Interview mit Stern.de über Corona

Rune Weichert hat auf Stern.de ein Interview mit mir über Corona geführt: "Soziologe über Corona: "Wir vergessen, dass andere Krankheiten auch schon schlimm waren".

 

In dem Interview spreche ich über gesellschaftliche Normen und Normenverschiebungen, die derzeit stattfinden.

Ausschnitte aus dem Interview:

Rune Weichert, Stern.de: Seuchenausbrüche sind nichts Neues. Und jedes Jahr gibt es eine Grippesaison, die schätzungsweise Tausende das Leben kostet. Dennoch gibt es da weniger Handeln oder Aufregung. Was ist bei Corona anders?

 

Michael Grothe-Hammer: Aus meiner Sicht befinden wir uns in einem Prozess, in dem derzeit etwas schief liegt. Manche sagen, Corona sei nicht schlimmer als Grippe und deswegen brauche es keine Maßnahmen. Von anderen hören wir das Gegenteil. Beide Seiten unterstellen dabei, dass Grippe und Grippetote etwas Normales seien, etwas, das wir akzeptiert haben. Beide Seiten übersehen aber, dass auch Grippe etwas sehr Schlimmes ist, wie viele andere Infektionskrankheiten auch. In Deutschland sterben

schätzungsweise Tausende Menschen jährlich an Grippe, Millionen weltweit an Hepatitis oder Malaria. Wir vergessen, dass diese Krankheiten auch vor Corona schon schlimm waren. Das hat bislang aber niemanden dazu gebracht, die Welt anzuhalten und in den Lockdown zu gehen. 

 

Rune Weichert, Stern.de: Die Corona-Pandemie dauert aber noch an und die Infektionszahlen steigen weiter.

 

Michael Grothe-Hammer: Man mag entgegnen, dass bei Corona mit mehr Toten gerechnet werden muss als bei anderen Infektionskrankheiten. Ich stelle mir dann die Frage: Wo ist die Grenze, ab wie vielen Toten eine Krankheit bekämpft werden muss? Warum sollten Hunderttausende Grippetote weniger schützenswert sein? Corona-Tote gilt es anscheinend zu verhindern, aber bei Grippe, Hepatitis oder multiresistenten Krankenhauskeimen scheinen Tote hingegen weitgehend akzeptabel. Impfungen und

Medikamente gegen viele der Krankheiten gibt es zwar – scheinen aber nicht sehr erflogreich zu sein, wenn man sich die Opferzahlen ansieht.

 

Rune Weichert, Stern.de: Warum herrschen bei Corona teils so eine Aufregung und hitzige Debatte, aber bei anderen Krankheiten nicht?

 

Michael Grothe-Hammer: Ich glaube, es prallen zwei Welten aufeinander: Einerseits die Maßnahmen-Unterstützer und andererseits die Maßnahmen-Gegner – die ja zum Teil eine sehr obskure Gruppe sind. Ich denke, viele Gegner der Maßnahmen verstehen nicht, warum diese wichtig sind und warum den möglichen Opfern einer Infektionskrankheit plötzlich so viel Bedeutung beigemessen wird. Bei den Unterstützern der Maßnahmen haben sich Normen hingegen verschoben. Für viele scheint es fast schon

selbstverständlich zu sein, dass Menschenleben bestmöglich vor Covid-19 geschützt werden müssen. Dabei wird gar nicht

hinterfragt, ob beispielsweise die Zahl der Corona-Toten ein vernünftiger Maßstab ist. Es wird nicht reflektiert, dass einem die

Zahl der Toten bei anderen Infektionskrankheiten bislang meist ziemlich egal war.

 

Rune Weichert, Stern.de: Wird das so bleiben?

 

Michael Grothe-Hammer: Ich glaube nicht, dass dieses Ungleichgewicht längerfristig Bestand haben kann. Ich vermute, wir befinden uns in einem Prozess der Erkenntnisfindung, in dem sich das Ungleichgewicht ausgleichen wird. Ich halte es für gut möglich, dass viele Befürworter der Maßnahmen es nicht mehr akzeptabel finden werden, dass so viele an der Grippe oder Ähnlichem sterben und dass für sie die vorherige Situation mit den vielen Toten durch andere Krankheiten nicht mehr hinzunehmen ist.

C o n t a c t


Michael Grothe-Hammer

michael.grothe-hammer@ntnu.no